Üt à Paris

Jetzt bin ich zum dritten Mal die Rue de Vaugirard runtergelaufen. Meiner konfusen Reiseplanung verdanke ich es, dass ich mitsamt Gepaeck 167 Hausnummern der Rue de Vaugirard hochschleppen musste. Eigentlich waren es 235 – ich bin erst in die falsche Richtung gelaufen – von der Metrostation Saint Placide in Richtung Jardin du Luxembourg. Rechnet man das ganze Hin- und Her zusammen, sind das 313 gelaufene Hausnummern. Aber es macht mir nichts. Ich bin immer noch ganz verliebt in diese Stadt. Aufgrund dieser Verliebtheit verzeihe ich mir alles.

Paris am Morgen – ein Riesengewimmel. Es knattert und zischt, es rauscht und hupt, es tutet und quietscht, dieses Paris. Und es ist mancherorts wirklich haesslich anzusehen. Das alles stoert mich nicht. Und waehrend ich die Rue de Vaugirard weiter hochaechze, frage ich mich, warum das so ist. Vermutlich bin ich einem albernen Paris-Klischee erlegen. Doch an der Place Jaques et Thérése Tréfouel, dort wo sich die Rue de Vaugirard und der Boulevard Pasteur kreuzen, daemmert mir es langsam: es sind die vielen kleinen Geschichten, die sich hier vor meinen Augen abspielen. Ich komme mir vor wie in einem Film von François Truffaut.

Es sind diese Menschen um mich herum. Ich werde das Gefuehl nicht los, dass sie etwas besonderes sind, diese Pariser, allesamt Statisten in einem grossen Circe de la Metropole; der Mann mir gegenueber im Fenster der „Metro Bar“ hinter der halbhohen Gardine, die Mutter, die gerade an mir vorbeiradelt und ihren Sohn auf dem Gepaecktraeger zur Schule faehrt, die aeltere Dame mit den ueberspitzten Gesichtszuegen eben in der Metro, die, im braun-gruen karierten Pepita-Kostuem und altmodischer 50er Jahre Brille, soeben dem Set eines Jeunet-Films entsprungen zu sein scheint und es ist das huebsch dekorierte Schaufenster der Patisserie, an dem ich mir grade in diesem Augenblick seufzend die Nase platt druecke. Toertchen!

Ich verschnaufe kurz und beschliesse, mir in der Patisserie ein kleines Zitronentoertchen zu kaufen. Eine Fehlinvestition wie sich schnell herausstellt. Denn waehrend ich weiter den Gehweg entlangeiere, verkleckst mir die klebrig-fluessige Zitronencreme mein Gesicht von der Nase bis zum Kinn. Ich aergere mich: wie absurd von mir zu denken, ein solches Toertchen eigne sich zum „to go“ Verzehr. Ich lutsche und lecke also kofferschleppend an meinen cremeverschmierten Lippen herum und stolpere fast ueber jede Bordsteinkante, da ich mehr nach oben als nach unten blicke. Das liegt an den Parisern. Ich bin noch nie so viel angelaechelt worden. Die Pariser schauen einem direkt in die Augen. Sie schauen einem zuerst in die Augen, dann auf die Schuhe – oder umgekehrt. Sicherlich gibt es deshalb so viele Schuhmacher in Paris. Schuhmacher und Schluesseldienste scheinen hier ein gutes Geschaeft zu machen, es gibt sie fast an jeder Ecke.

Ich sehne mich nach einer heissen Dusche, schliesslich bin ich ungeduscht seit vier Uhr auf den Beinen. Mein Hotelzimmer ist erst ab zwei Uhr bezugsfertig, also bleibt mir nichts anderes uebrig, als mein Arrondissement zu erkundigen. Fuer neun Euro lasse ich mich ins 59 Stockwerk des Tour de Montparnasse beamen, der gleich um die Ecke liegt. Die Luft ist glasklar und bescherrt mir einen fabelhaften Rundumblick ueber Paris. Von dort schlendere ich den Boulevard du Montparnasse entlang bis zu den legendaeren Cafes La Rotonde und Le Dome. Die Libération titelt heute sehr poetisch mit „La guerre des trois roises“ und bezeiht sich auf die anstehende Auswahl der Praesidentschaftskandidaten bei den Sozialisten. Von dort biege ich in die Rue Vavin in Richtung Saint Germain de Pres ab. Im belebten Cafe Vavin mache ich kurz Rast und schluerfe einen Cafe au lait und knabber dazu ein Croissant – schon wieder so ein bloedes Cliché, aergere ich mich.

Im Jardin du Luxembourg ist dieser Aerger rasch verflogen. Interessiert beobachte ich die Spieler beim Petanque. Gleich hinter mir auf dem Spielplatz lassen sich vergnuegt quietschende Kinder auf ihren Wipppferdchen ordentlich durchschuetteln. Dann schaue ich mir noch ein kleines Theaterstueck an, sammel eine Kastanie vom Boden auf, poliere sie blank und stopfe sie in meine Jackentasche, als Souvenir. Dann mache mich auf den Weg zurueck zum Hotel. Ich irre ein wenig ziellos durch die Strassen, bis ich schliesslich dort lande, wo ich heute schon mal war: Rue de Vaugirard No 80! Na dann, encore madame!

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5 Responses to “Üt à Paris”


  1. 1 Anja 04/10/2006 um 16:31

    Hallo Ute, ich wünsche Dir eine tolle Zeit in Paris! Das hört sich ja alles schon sehr nett an! Hach, ich beneide Dich… und die vielen netten Franzosen! Finger weg, hörst Du! Liebe Grüsse, Anja

  2. 2 Schnutinger 05/10/2006 um 06:27

    Anja, so schoen koennte kein Franzose sein! Seminar ist klasse, gerade geht es um Compulsive Shopping …

  3. 3 schnutinger 05/10/2006 um 15:39

    Anja, mal abgesehen, dass ich nun einen neuen Briefbeschwerer mein Eigen nennen kann, ist das Thema superspannend! CSR im Bereich Responsible Gaming ein Novum. Benchmark GB, Svenska Spel, Norsk Tipping und die Atlantic Lottery Corporation – die Praesidentin der Kanadier ist toll. Morgen diskutieren wir ueber moegliche Standards, danach musst du fleissig Marktforschnung betreiben 🙂 Es kommt einiges auf uns zu. So ein Seminar ist ja der absolute Motivationsbeschleuniger!

  4. 4 Anja 05/10/2006 um 17:07

    Hey, das hört sich gut an. Briefbeschwerer kann man ja in Zeiten von Emails immer für irgendetwas gebrauchen. hihi… Über Compulsive Shopping mußt Du mir mal mehr erzählen! Hört sich allerdings mehr nach Champs-Elysées als nach Responsible Gaming an…;-) Kommt Worti jetzt morgen? Hast Du ihn auf der Teilnehmerliste gesehen?
    Ich habe heute übrigens von Herbert Grönemeyer Interpretationen von Kinderliedern entdeckt. Drei Chinesen mit dem Kontrabaß sind auch dabei! Und auch noch andere nette Sachen.
    Auch wenn Du jetzt motiviert bist, von Mafo will ich im Urlaub nichts hören. Pfui!
    Je te souhaite une bonne soirée,
    Anja

  5. 5 schnutinger 06/10/2006 um 13:52

    … das ganze Seminar hat eher was von Responsible Rotweintrinking und Responsible Schokotoertchenessing … man, ich bin kugelrund!

    Ja Wortmann war heute da, habe kurz mit ihm gesprochen, der Chef von La francaise des Jeux hat gestern Abend bei einer spontanen Jam-Session auf dem Seine-Boot mitgetanzt, sehr lustiger Typ. Ansonsten sehr international und deshalb recht spannend. Und jetzt habe ich auch endlich mal ein paar deutsche Kollegen naeher kennengelernt. Das Thema Responsible Gaming muessen wir auf jeden Fall sehr intensiv beackern.

    Jezt nehme ich erstmal einen kleinen Hotelwechsel vor – und hechel mitsamt Gepaeck wieder quer durch Paris – heute Abend werde ich das Nachtleben erkunden. Ich denke, ich werde versuchen, an guenstige Karten fuer die Comedie Francaise zu kommen. Cyrano wird gespielt, eines meiner Lieblingsstuecke!!! Da verstehe ich wenigstens die Handlung …

    Ist das schoen hier, ich will gar nicht mehr weg! 😉 Wenn doch nur mein franzoesisch besser waere … argh!

    PS Ja dann uebe mal fleissig Singen. Das fuehren wir dann als motivierendes Element im Office ein. Taeglich fuenf Minuten Singen in der MaFo ;-D – danach dann noch zur Massage und der Tag ist schon halb rum 😉


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