Das Kaufhaus

Neulich habe ich mich mich verlaufen. Im Karstadt in Hamburg. Eigentlich wollte ich nur ein wenig Unterwäsche kaufen. Habe ich auch, und wie ich die Rolltreppe wieder hinunterfahre, stehe ich plötzlich vor einer Wand: „Hier entsteht die neue Karstadt Haushaltswelt“. Ich komme nicht weiter. Mist! Irre durch die erste Etage und komme mir vor wie der Hamster im Labyrinth bei „Vier gegen Willi“. Ich finde den Ausgang einfach nicht! Neben dem Kopierer bleibe ich erschöpft stehen.

„Tschuldigung“, fragt mich eine ältere Dame, „können sie mir sagen, wie ich vergrößern kann?“ Na klar kann ich das!

Wir vergrößern und verkleinern. Dem nächsten Kunden helfe ich beim Entwirren des Papierstaus und dann machen wir sogar noch eine Farbkopie. Gleich nebenan steht der Fotoautomat. Auch hier bin ich gefragt und helfe natürlich gern: „Idealformat 11×16 Premium in Glanz? Mit oder ohne Fotobuch? Poster? Sonderwunsch? Die Tüte geht ins Labor, der Abschnitt hier ist für sie, gut aufbewahren, ja?“

Hallo junge Dame! Es folgt eine Anfrage aus der Bettenabteilung: Ob denn das Mako-Brokat Damast „Satin Noblesse“ auch im Angebot sei? Ich sage, „nein, nur das Soft Jersey mercerisiert. Oder hier die Seersucker Bettwäsche Mikrosatin, bügelfrei!“ Die Dame ist ob der vielfältigen Auswahl sichtlich verunsichert, ich zeige ihr noch rasch die Rosamunde Pilcher Collection vom ZDF, die findet sie ganz toll und greift entzückt zu. Gleich sechs Rosamunde Pilcher Bettwäschen gehen über die Ladentheke. Über die Taschenbuch Remittenden lande ich schließlich bei den Elektrogrills, die gleich neben den Dampfbügeleisen stehen.

Die Tischgrills laufen diese Saison nicht besonders. Man grillt mit Kohle, nicht mit Strom. Ich werde trotzdem fünf Kontaktgrills los. Präsentiere danach die nebenstehende Philips Dampfbügelstation GC9920 für 1.349,99 Euro. „Schauen sie, verehrte Damen und Herren, damit können sie vertikal Bügeln“, und den umstehenden Kaufhausgästen entfährt es leise: „Uijuijui“ oder „Donnerwetter“ oder „Hermann, hast du das gehört! Vertikal!“ Dann lege ich noch einen oben drauf: „Damit können sie sogar über Kopf bügeln!“ Ich führe das vor. Die Menge tobt, einige fallen in Ohnmacht.

Ich dampfe und bügle und rede wie in Trance. Alles sei selbstreinigend und nein, auf keinen Fall destilliertes Wasser benutzen, das trockne ja nur die Schläuche aus! Ja, ich wisse wovon ich rede, ich sei ja schließlich auch eine Frau und somit Hausfrau aus Leidenschaft! Besonders praktisch hier, meine Damen und Herren, das beheizbare Bügelbrett mit integrierter Heiz-, Blas- und Saugfunktion. Und schauen sie genau hin, der Wasserdampf hebt das Bügeleisen leicht an, so dass es praktisch ohne Körperkraft über die Wäsche gleitet. Ohne Körperkraft ist das Zauberwort. Die Bügelstation ist im Nu ausverkauft in allen Karstadt-Filialen in Deutschland. Ich werde Mitarbeiterin des Tages, des Monats, des Jahres.

In einem Karstadt-Kaufhaus lebt es sich im Grunde nicht schlecht. Die Seersucker-Bettwäsche wird hin und wieder ausgewechselt, ich teste mittlerweile nachts Passionata BHs und ernähre mich von Irischem Edelgebäck und karamellisierten Erdnüssen. Auch die technische Versorgung ist ausreichend: Flachbildschirme, Computer, Digitale Kameras, ich bin voll vernetzt. Aber eine Frage stelle ich mir schon: Vermisst mich denn gar keiner?

Ubi et Orbi

Neulich fragte ein Freund meinen Mann, ob denn der päpstliche „Urbi et Orbi“ Segen auch gelte, wenn er aufgezeichnet sei. Das wusste selbst mein Mann nicht und auch im Internet war nichts genaues zu finden. „Vermutlich eher nicht“, antwortete mein Mann ihm via Mail. Das wäre auch etwas seltsam: Absolution auf Knopfdruck. Wobei das schon fast wieder richtig schön katholisch wäre: „Oh mist, ich habe gesündigt. Ach, da fällt mir ein, ich habe ja noch den letzten Urbi et Orbi auf YouTube!“ Absolution on demand sozusagen.

Am Fernsehbildschirm gilt sie nämlich schon, die päpstlich erteilte Absolution, wenngleich natürlich mit leichter temporärer Verzögerung, wegen der Satellitentechnik. Ach, jenes österliche Fernsehspektakel war eines der Highlights im medialen Jahreskreislauf unserer Familie: Im Sommer der Wunschfilm, im Winter Stars in der Manege und die ZDF-Weihachtsserie, zu Ostern „Urbi et Orbi“. Da versammelte sich die gesamte Familie vor der Mattscheibe, nach dem Hochamt, bei meinen Großeltern. Das ganze Event war an Spannung kaum zu überbieten, da kam selbst die leichtbekleidete Uschi Glas im Löwenkäfig nicht mit.

Während mein Bruder und ich Zwiebelringe futternd vor das Fernsehgerät gesetzt und damit beauftragt wurden, aufzupassen und das Kommando zu geben, wurden im gesamten Haus hektisch die letzten Vorbereitungen für das große Osterfest getroffen, der Höhepunkt im religiösen Jahreskreislauf einer katholischen Familie. Irgendwann brüllten wir zwei dann Leibeskräften: „Urbi et Orbi!!!“ Und alle kamen sofort angerannt und zwar so wie sie waren. Meine Großmutter in Kittelschürze, mein Opa mit den Kartoffeln und dem Schälmesserchen, mein Onkel mit seinem Rosenkranz, meine Eltern und sämtliche Tanten. Wir alle scharrten uns im engen Wohnzimmer um das Fernsehgerät und warteten: Lateinisch, Italienisch, Englisch, Portugiesisch, Spanisch, Französisch, Esperanto, Hebräisch, Suaheli, Finnisch, Georgisch… „War Deutsch schon?“, krähte die schwerhörige Tante Änne mitten in die Zeremonie hinein. „Psst!“ „Psst!“ „Nein!“ „Psst!“ „Psst“, zischelte es allenthalben. Wieder warten. „Aber jetzt war deutsch!“, rief Tante Sissi und bekreuzigte sich eilig. „Nein das war Niederländisch“, sagte Papa. „Wann kommt denn deutsch?“ fragte Tante Toni ungeduldig und mein Onkel Josef tat, als wüsste er es und sagte, dass Deutsch nach Kambodschanisch und vor Dänisch käme. Mein Vater fand das unlogisch und sagte, dass deutsch doch meistens nach Lettisch und vor Serbisch käme. Aber das wiederum fand meine Mutter seltsam, da D wie Deutsch doch vor L wie Lettisch stünde. Über diese Diskussion verpassten wir den Segen und damit unsere Absolution.

Wir warteten und warteten bis „Urbi et Orbi“ schließlich vorbei war und Johannes Paul II. sich wieder in seine Gemächer zurückzog. „Diesmal hat er gar nicht in Deutsch“, sagte Tante Toni enttäuscht und krallte sich an ihr Gotteslob. „Hätten wir denn auch einfach in Lateinisch mit machen können?“ fragte Oma Onkel Josef mit blasser Miene, der wusste aber auch nicht weiter und zuckte nur hilflos mit den Schultern. Ein Jahr lang lief unsere gesamte Familie ohne päpstliche Absolution herum. Wir beschlossen, es niemandem zu sagen, aber wir fühlten, dass ein düsteres Geheimnis auf uns allen lastete. Selbst mehrfaches Beichten, konnte uns über diese Familientragödie nicht hinwegtrösten.

Während Tanten und Großeltern mittlerweile aus dem Leben geschieden sind, warten mein Bruder und ich geduldig auf den Tag, an dem man sich bei YouTube, alle päpstlichen Segen von der Einführung des Fernsehens bis heute anschauen kann, wenngleich das natürlich nur ein schwacher Trost sein wird, so wird es uns sicherlich helfen, dieses schreckliche Trauma wenigstens zum Teil zu verarbeiten. Gepriesen seiest du YouTube, jetzt und in Ewigkeit, Amen!

Kontakt und Sinnsuchende


Heute beschwert sich die Autorin Tanja Dückers in ihrer Kolumne „Ich bin doch kein Papst“ in der Frankfurter Rundschau lautstark über die vielen lästigen „Kontakt- und Sinnsuchenden“ auf der Frankfurter Buchmesse, die Künstlerinnen wie ihr immer so abstruse Fragen stellen. Sie findet diese auf Heilsbotschaften wartenden Leser „sehr gefährlich. Gefährlicher als Kriege, Chinesen, Nachwuchs, Schokolade, alles.“ Und dann wirft Frau Dückers beispielhaft ein paar solcher sinnsuchender Fragen auf. Ich finde solche sinnsuchenden Menschen nicht so gefährlich. Ich find es auch grundsätzlich nicht schlimm, wenn Menschen nach dem Sinn suchen. Aber Buchautorin Tanja findet das bisschen doof.

Ich würde die von Frau Dückers aufgeworfenen 14 Fragen für „Kontakt- und Sinnsuchende“ im übrigen wie folgt beantworten:

Wie können wir in Zukunft Krieg verhindern?

Indem George Bush zum Islam konvertiert und das Weiße Haus mindestens zwei Minarette bekommt.

Wie können wir den Kampf der Geschlechter unterbinden?

Geschlechter? Was ist das denn? Ups … ach … tatsächlich … Donnerwetter … äh … keine Ahnung.

Wann, glauben Sie, wird Gott eine Renaissance erfahren?

Sofern Gott seine Wiedergeburt in mir vollzieht wird das übermorgen sein, nein, warten Sie, da bin ich in Leipzig, dann doch eher am Montag.

Glauben Sie, dass Atheisten Zyniker sind?

Die meisten sind zunächst einmal rechtsradikal.

Sind Künstler Zyniker, weil ihre beobachtende Distanz zur Welt so groß ist?

Was haben Sie gefragt? Ich verstehe sie von hier oben so schlecht.

Was denken sie über die Fähigkeit des Menschen, vergeben zu können?

Vergeben hat so etwas machtvolles. Ich genieße es zu vergeben, ich vergebe sehr oft. Am Tag mindestens zehn mal, ich vergebe allem, selbst meinem Deo, meinen Pickeln und meinem Eierkocher.

Haben Sie Angst vorm Tod?

Die richtige Frage wäre: Hat der Tod Angst vor mir?

Haben Sie Angst vor Sex?

Wieso sollte ich vor Dingen Angst haben, die ich nicht kenne?

Oder glauben Sie an Sex?

Ich glaube an vieles, selbst an meine Zahnpasta. Wenn Sex allerdings so gut wirkt wie meine Zahnpasta funktioniert, dann nein!

Oder essen sie lieber Schokolade?

Nein, ich glaube, da würde ich doch lieber dieses Sexzeugs essen, aber am allerliebsten Mäusespeck!

Haben Sie Kinder?

Wozu? Wir haben schon eine Putzfrau!

Wenn nein, warum nicht?

Warum sollte ich die Aufmerksamkeit für meine Person mit jemandem teilen?

Wenn ja, warum?

Weil meine Neurosen es Wert sind, vererbt zu werden.

Werden Kinder unpolitisch, wenn ihre Eltern ihnen zu viel aus der Zeitung vorlesen?

Nein, aber Hartz IV-Empfänger, wenn es die Bild ist.

Quelle: Frankfurter Rundschau, 5. Oktober 2007, 63 Jg, S. 13.

Wespen, Würmer, Menschen

Letztens habe ich im Magazin der ZEIT ein Interview mit einem Wespenforscher gelesen. Toll! Insekten sind gerade sehr im Trend. Selbst Michelle Obama will sich bald welche halten, im Garten des Weißen Hauses. Bestimmt gibt es bald ein Buch darüber: Die Biene Obama.

Immerhin, so las ich letztens ebenfalls in der ZEIT, haben Forscher herausgefunden, Bienen sind intelligenter als Feuersalamander. Aha! Wenn ich jetzt wüsste, ob Feuersalamander intelligenter als Haubentaucher und die wiederum intelligenter als ein Wüstenwarzenschwein sind, oder aber ob Feuersalamander weniger intelligent sind als Kratzwürmer, die aber vielleicht ebenso intelligent sind wie Sumpfbarben, würde mir diese Information sicherlich sehr weiterhelfen.

Der Wespenforscher jedenfalls sagt, wir könnten sehr viel lernen von den Wespen. Irgendwie sagen das alle Verhaltensforscher ja immer: „Ach wir Menschen! Wir können so viel lernen von den Tieren!“ Wir können von schwulen Pinguinen lernen, von lesbischen Amöben und von geschlechtslosen Pantoffeltierchen, von Schneckenzwittern und dem Sexualverhalten unseres Wellensittichs und der Wüstenspringmaus.

Immer wenn es um das Verhalten von Menschen geht, geht es gleichzeitig um Tiere und was wir von denen noch so evolutionsbiologisch lernen können – für die nächsten zehn Millionen Jahre. Von den Wespen können wir natürlich auch einiges lernen. Beispielsweise, wenn es um Männer geht: „Sie lassen sich von den Weibchen großziehen, führen ein kurzes nomadisches Leben, haben Sex und sterben. Für die Gemeinschaft arbeiten sie nie.“ Wespenmännchen sind so gesehen die Banker unter den Menschen.

Jedenfalls sagt der Forscher, dass sich eine nur aus Weibchen bestehende Art mit viel weniger Aufwand – damit ist Sex gemeint – fortpflanzen könnte. Allerdings sei diese sehr anfällig für Parasiten. Aha, deshalb also die Männer überall, wegen der Parasiten! Im Grunde haben die Männer also nur eine Parasitenschutzfunktion. Im Zeitalter der modernen Medizin sind sie evolutionstheoretisch so gesehen total überflüssig. Das erklärt vermutlich, warum sie sich so sehr an ihre Führungspositionen klammern, ohne Parasiten ist ihr Leben ja völlig sinnentleert, arme Kerle.

Im Grunde genommen könnte man auf Männer total verzichten: Bei der Fortpflanzung benötigt man sie nicht mehr, bei der Parasitenjagd ersetzt die moderne Medizin den Mann, beim Sex der Dildo und jetzt dümpeln all diese überflüssigen Parasitenjäger in irgendwelchen unternehmerischen Spitzenpositionen herum und nehmen den Frauen die Karriere und das Geld weg. Aber auch gegen diese widernatürliche Entwicklung in der Evolutionsgeschichte gibt es ein Vorbild aus der Tierwelt: Entfernt man beispielsweise dem Weibchen des Borstenwurms das Gehirn, wird es zum Männchen! Das müsste doch reziprok auch auf den Menschen anwendbar sein, oder?

Räumliches Denken

Frauen können nicht einparken. ist zweifelsohne das bekannteste wiewohl beliebteste Vorurteil gegenüber Frauen. Das ist natürlich totaler Quatsch. Es wurde aber durch das Buch von Allan und Barbara Pease zu einer Art Doktrin der weiblichen und männlichen Rollenklischees und viele Menschen glauben diese Irrlehre tatsächlich: Männer können nicht zuhören, Frauen nicht einparken! Warum das so ist? Das haben die beiden Bestsellerautoren mit einem Blick in die Evolutions- und Verhaltensforschung herausgefunden: Alles wegen der Urzeit!

Das Ehepaar Pease ist nämlich fest davon überzeugt, dass unsere Hirnstrukturen nicht viel anders als beim Neandertaler, also im Prinzip noch genauso sind wie vor etwa 150.000 Jahren. Dazwischen ist im Grunde nicht viel passiert, vielleicht dass Galileo Galilei meinte, die Welt sei rund und doch nicht eckig, dass Loriot den Familienbenutzer erfand und dass es jetzt Dildos mit iPod-Anschluss gibt. Weil Männer mit Hilfe ihrer im Pleistozän programmierten Hirnzellen noch heute ganz genau wissen, wie man Mammuts bezwingt, könnten die voll super einparken und weil Frauen in der Urzeit immer in der Höhle am Feuer sitzen und Urzeit-Socken stopfen mussten, können die heutzutage nicht einparken, aber dafür ganz toll zuhören.

Einparkvermögen hat natürlich mit räumlichem Denkvermögen zu tun. Das können Männer angeblich aber auch besser, weil räumliches Vorstellungsvermögen vom Testosteronspiegel abhängt. Das ist wissenschaftlich erwiesen und das kann man sogar testen. Zum Beispiel mit dem wissenschaftlichen Männlichkeitsquotienten-Test. Der MQ-Test geht folgendermaßen: Man misst Ringfinger und Zeigefinger und teilt dann den Ringfinger durch den Zeigefinger – also nicht wörtlich. Je höher das Ergebnis desto, männlicher ist die Person. Mein MQ liegt bei 1,07. Ich bin also laute Statistik ein halber Mann und kann ohne Angeberei sagen, dass ich eine recht gute Einparkerin bin. Allerdings führe ich das nicht auf meinen MQ zurück, sondern vielmehr auf über zehnjährige Fahrpraxis und den Lerneffekt, den ich erzielte, als ich kurz nach meiner Fahrprüfung einen Mercedes leicht touchierte. Trotz äußerlich nicht sichtbarer Spuren, hinterließ ich vorschriftsmäßig ein kleines Zettelchen mit meiner Adresse, das mich 700 Mark kostete. Seitdem parke ich nie mehr neben Mercedesfahrern.

Bei all jenen wissenschaftlich fundierten Experimenten zum Thema räumliches Vorstellungsvermögen stimmt mich eines allerdings sehr nachdenklich: Wie um alles in der Welt kann es sein, dass sich Frauenselbst in ganz fremden Schuhläden in aller Welt sofort orientieren können? Dass sie allein an der Schuhform sofort erkennen, ob der Schuh – rein räumlich gesehen – zu ihrem Fuß passt oder nicht? Frauen verfügen so gesehen über ein nahezu fotografisches Raumvorstellungsvermögen, vor allem wenn es um die Wirkung ihres neuen Prada-Kleides beim nächsten Silvesterempfang geht. Oder um die Wirkung ihres neuen Zweit-Porsches vor der Haustür.

Und wenn Männer so ein irre räumliches Vorstellungsvermögen haben, dann müssten sie ihnen bekannte Räume doch eigentlich auch bei völliger Dunkelheit erfassen können. Aber: Habt ihr schon mal einen Mann im Dunkeln im Schlafzimmer stehen gehabt? Ich meine jene Situation, in der der Mann sich gänzlich hilflos und allein die zwei Meter vom Lichtschalter bis zu seinem Kuschelkissen vortapsen muss? Obwohl er schon seit sechs Jahren jede Nacht in diesem Zimmer verbracht hat, muss er sich erst mal zwei Minuten von dem Schock des schwarzen Loches, das sich vor ihm auftut, erholen und sich umständlich orientieren. Das geht dann folgendermaßen: „Schatz, wo bist du?“ Das Weibchen fängt in der Dunkelheit relexartig an, Piepsgeräusche von sich zu geben und dabei tastet sich das Männchen dann nach Gehör vorsichtig zum Bette vor. Dabei stellt sich vermutlich kein Wesen auf der ganzen Welt ungeschickter an als ein Menschenmännchen. Eine Kaskade an „Auatschs und Auas“ schallt durch das Dunkel, bis das Männchen schließlich völlig ramponiert ins Bett gekrochen kommt. Aber keine Sorge Männer, es ist wissenschaftlich erwiesen: Räumliches Vorstellungsvermögen lässt sich trainieren!

Inemuri

Die Japaner können es immer, überall, und sie tun es auch. Egal ob am Arbeitsplatz, im Parlament, in der Schule, im Zug: Schlafen! Nur nennen sie es nicht schlafen, sondern meditatives Schlummern. Da Schlummern aber ein selten doofes Wort für einen hippen japanischen Wellness-Trendimport ist, soll es im Deutschen wie bei den Japanern bald „Inemuri“ heißen. Inemuri setzt sich im Japanischen aus zwei Schriftzeichen zusammen, die „anwesend sein“ mit „Schlafen“ kombinieren und bezeichnet – laut der Japanologin Brigitte Steger – „Schlafen in der Öffentlichkeit, während man offiziell was anderes tut.“ Also doch so etwas wie unser good old german Rumdösing oder schlicht Nickerchen.

Alle paar Monate liest man in aufgemotzten Office-Magazinen, die schöne Namen wie „Mensch und Büro“ tragen, dass es doch toll wäre, wenn auch der gemeine deutsche Angestellte mal einfach so zwischendurch ein Nickerchen machte, auf dem Bürostuhl beispielsweise. Es gibt sogar extra „Hardware“ dafür, Bürostühle, die sich im Nu zur bequemen Liege umbauen lassen, wie der „Sedus Open Up“. Oder man macht direkt ein halbes Stündchen Powernapping in der eigens dafür kreierten Nappshell.

Ein Nickerchen würde das Leistungsvermögen in deutschen Großraumbüros erheblich steigern sagen die Experten und eh’ man darüber nachdenken kann, was bürobedingte Schläfrigkeitsanfallbeseitigung für das Bruttoinlandsprodukt bedeuten könnte, werden berühmte vergleichbare Nickerchenmacher aus dem Nickerchenärmel gezaubert wie Napoleon, Albert Einstein und Winston Churchill, die ohne ihr tägliches Nickerchen vermutlich über die Position eines Sachbearbeiters mit erhöhten Anforderungen nicht hinausgekommen wären.

Meine Mutter macht auch Nickerchen, wie auch meine Oma und mein Opa es getan haben. Das hat allerdings zur Folge, dass meine Mutter jeden Tag um etwa halb eins einen regelrechten Müdigkeitsanfall bekommt und vor lauter Gähnen kaum noch ansprechbar ist, weil ihr Biorhythmus sich an dieses Nickerchen bereits vollends gewöhnt hat. Neben mir im Zug macht auch grad jemand sein Inemuri. Ein dicklicher Herr schnarcht das ganze ICE-Abteil zusammen, dass es nur so kracht. 40 Millionen Deutsche schnarchen. Sie würden im Falle einer flächendeckenden Inemuri-Invasion ein grauenhaftes Schnarchkollektiv bilden. Ich will die Inemuri-Begeisterten nicht bremsen, ich will vor den Gefahren der zwanghaften Einführung fremder Kulturtechniken warnen, das funktioniert nicht immer. Wie auch Yoga nicht bei allen funktioniert. Meine Mutter schläft andauernd ein beim Yoga und statt Lotusblüte im Frühlingstau sieht ihr Yoga auch eher wie Grünkohl nach dem ersten Herbstfrost aus.

Ihr lieben Inemuri-Leute, wenn man fremde Kulturmethoden einführt, dann bitte perfekt. Ich werde dieses Inemuri nicht beherzigen, ich beherrsche das deutsche Angestelltendösen mittlerweile zumindest so gut, dass ich aufwache, bevor mein Kopf auf die Tastatur knallt.

Probierhäppchen

Mist! Wieder mal ohne Frühstück aus dem Haus gehetzt. Na das kann ja ein Tag werden. Elender Frühhunger! Will mir beim Bäcker noch rasch ein Brötchen kaufen. Schlange! Auch das noch! Diese ganzen Schüler immer mit ihren Tontons. Rammen mir die andauernd in die Magengrube. Was machen die eigentlich hier? Haben die keine Mütter? Unsere Mütter haben uns früher noch eingenhändig Graubrote mit Leberwurst geschmiert! Ja, früher, war alles … huch! Was ist denn das??? Entdeckte auf der Ablage Probierhäppchen! Toll! Gibt’s ja jetzt überall, diese Probierhappen. Grabsche nach den großzügig geviertelten Rosinenbrötchen. Ui, sind die lecker! Probiere und probiere. Als ich endlich dran bin, bin ich satt! Sage das den Brotverkäuferinnen auch und dass sie morgen zur Abwechslung mal Mohnstriezel anbieten sollen. Dann renne ich zum Bus.

Die Mittagspause verbringe ich im Supermarkt. Da gibt es so eine Käseglocke mit Probierhappen drunter. Lecker sind die! Ein Traum! Aber so was von! Nach zehn Käsewürfeln verlangt mein Magen aber nach etwas anderem. Variatio delectat, wie der Gourmet zu sagen pflegt. Schlendere weiter zur Fleischtheke. Mache aber vorher noch einen kleinen Umweg über die aktuelle Obstauslage. Apfelspaten! Gut für die Verdauung. Ich futtere ein Apfel häppchen nach dem nächsten, lasse aber noch ein Anstandsstückchen übrig. Klar! Bin ja schließlich gut erzogen!

Die Fleischfachverkäuferin fragt schließlich, was ich denn haben will. Das weiß ich natürlich noch nicht so genau. Ob ich denn als Kunde mal was probieren könne, von der blutroten Vielfalt hier? Ha, ha, kicher, kicher. Na klar, strahlt die Verkäuferin. Ich zeige auf die Wurstauslage, sie schneidet jeweils ein Stück ab und reicht mir die einzelnen Scheiben über die Theke: Knochenschinken, gekochter Schinken mit Kräuterkrüste, französische Ringsalami, Schweinskopfsülze, Kalbsbraten, Kassler, Salami mit Pfefferkruste, Lioner, Corned Beef, Zunge in Aspik, Blutwurst, Presssack und so weiter. Ich lasse sie immer hin und her springen, vom dem einen Ende der Theke zur anderen und sage nach jeder Wurstscheibe brav: „Joooooaah, auch nicht schlecht!“ Ganz zum Schluss bedanke ich mich mit den Worten: „Ach, zu viel Fleisch ist ja auch gar nicht gesund!“ Dann gehe ich.

Wieder zurück zum Käse. Käse schließt den Magen, sagt man ja so. Weg ist er, der halbe Käselaib, bei mir im Magen. Uff, so viel Käse! Jetzt habe ich Durst! Suche nach dem Wasserspender. Finde keinen! Na so was, überall gibt es doch heutzutage Wasserspender, selbst in unscheinbaren Damenoberbekleidungsgeschäften. Hier aber nicht! Mist! Ah doch! Draußen vor der Tür entdecke ich ein silbernes Näpfchen mit Wasser drin. „Für uns“ steht darüber. Auch gut. Komischer Wasserspender, trotzdem toller Service! Trinke den Napf leer und gehe zurück ins Büro. Nach der ganzen Wurst und dem Käse ist mir jetzt nach Schokolade. Gucke auf den Geburtstagskalender, welcher Kollege als letztes Geburtstag hatte. Ah, Kollege Nottbeck aus der IT. Da muss es was geben. Einen Teller voller Süßigkeiten gibt es doch immer.

Hm. Dumm. Was habe ich mit Herrn Nottbeck aus der IT zu tun? Nichts eigentlich! Kenne den Nottbeck auch gar nicht. Weiß nicht mal, wie der aussieht, dieser IT-Nottbeck. Muss mir also einen Vorwand einfallen lassen, um an Nottbecks Schokolade zu kommen. Trete gegen meinen Monitor und werfe meinen PC aus dem Fenster. Rufe sodann bei Nottbeck an: „Tachen Notti, altes Haus! Glückwunsch zum Geburtstag! Ach übrigens, mein Computer ist kaputt. Ich komme mal rasch bei dir im Büro vorbei und hole mir einen neuen ab, ja?“

Nottbeck will wissen, was damit passiert sei. Oh verdammte Tat, mit der Frage hatte ich ja überhaupt gar nicht gerechnet! „Keine Ahnung!“, antworte ich, „ist einfach aus dem Fenster gesprungen, das dumme Ding. Vielleicht depressiv oder so, kann man denen ja nicht ansehen, von außen, meine ich. So eine Depression. Guckt man ja nicht rein, in so einen Computer. Kann man ja letztlich quasi nur vermuten, die Hintergründe für sowas. Immer die ganzen langweiligen Excel-Tabellen, das ist ja auch kein Leben, für so einen Computer. Das würde mich auch depressiv machen!“ Nottbeck sagt, ich solle jetzt mal im Ernst sagen, was dem Computer fehle. Ich bin am Ende, zeige Nerven! „Schokolade“, brülle ich in den Hörer, „mein PC will Schokolade!!!“ Nottbeck sagt, er schicke gleich jemanden bei mir vorbei, ich solle aber mal unbedingt am Arbeitsplatz sitzen bleiben. Na toll, jetzt habe ich den Betriebspsychologen am Hals! Nottbeck, die alte Petze! Aber wenigstens gibt’s bei Betriebspsychologen immer Kaffee und Delacre-Plätzchen für lau. Tja Nottbeck, 2:1 für mich.

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