Letztens las ich in einem Interview mit Jonathan Franzen in der ZEIT, dass ihm die markanten Typen in Manhattan fehlten. Alles sei aalglatt geworden, seitdem Ralph Giuliani Bürgermeister war. Alle Menschen seien stromlinienförmig, keiner zeige mehr Ecken und Kanten, wie beispielsweise in den 80er Jahren. Ohnehin lese ich derzeit überall Lobeshynmen auf die 80er Jahre in Manhattan. Das mag vielleicht für den Buchautor ein Problem sein, dass New York nun so sauber und vergleichsweise langweilig ist, aber es ist zugleich sehr zynisch, denn nie war Manhattan dreckiger, unsicherer und abgewrackter als in den 80er Jahren.
In meinem Dorf ist es auch ein bisschen wie in Manhattan, auch hier gab es früher mehr Unikate, auch hier war es dreckiger. Die Straße, in der ich heute wohne, hieß früher Küttelstraße, der Dorfnikolaus wurde von zwei alten, stets angetrunkenen Tanten gespielt, die von Haus zu Haus zogen, Kinder beglückten und Schnäpschen tranken und immer, wenn die Frau des Dorffeuerwehrmannes putzte, löste sie in ihrer Putzwut, die auch den bakterienverseuchten Alarmknopf miteinschloss, einen Fehlalarm aus, so dass später keiner mehr wusste, ob es wirklich irgendwo brannte, oder Frau Heuermann einfach nur wieder den Putzlappen schwang. Solche Geschichten gibt es heute leider nicht mehr.
Es kann aber auch daran liegen, dass man sich früher mehr über diese Unikate unterhielt. Früher gab es für die meisten ja nur den Ort und sonst nichts. Kein Wunder, dass so mancher in diesem Mini-Radius extremer sozialer Kontrolle etwas sonderlich wurde. Außerdem brauchte man ja Geschichten. Dönekes, wie der Westfale so schön sagt, die man sich sonntags nach der Kirche beim Frühschoppen erzählen konnte. Also wurde aus jedem Dorfbewohner ein kleiner Darsteller inmitten der wöchentlichen Dorfsoap.
Aber, wenn man genau hinschaut, trotz Globalisierung, Internet und Gleichmacherei, auch wir haben noch einige Unikate zu bieten. Meine Mutter beispielsweise. Sie gehört vermutlich zur letzten Generation in unserem Dorf, die mir Leute wie folgt vorstellen: „Die Uschi Pasebrink, ich weiß gar nicht, wie die jetzt heisst, also frühere Pasebrink, also die Stieftochter von dem Beisenmöller seinem Schwippschwager Schulze Brömmelkamp, kennze doch, oder?“ So geht das hier immer. Ich glaube, das ist so eine Art Ratespiel, das sich die vor 1960 geborenen haben einfallen lassen, damit man auch immer weiß, wer mit wem verschwägert ist, nach dem Motto: In vier Schritten von Köttelkamp zu Meierbrink.
Ein weiteres Unikat ist Frau Brauner. Sie hat seit 30 Jahren, also fast so lang ich lebe, ihre Reinigung Citywash am großen Parkplatz. In der sitzt sie wie eine Meerkönigin in einem Aquarium und beobachtet täglich das, was draußen in der weiten Welt so vor sich geht, also vor ihrem Schaufenster. Frau Brauner sieht alles! Immer, wenn ich zum Brötchen holen gehe, dann winkt sie mir und ich winke zurück. Und jeden Satz beginnt sie mit den Worten: „Na hör mal!“ Und wenn ich mit einem fleckigen Hemd zu ihr komme, dann drückt sie mir ein pinkes Zettelchen in die Hand und erzählt mir, dass sie heute Abend noch mit einem Lover „nach Dorf Münsterland“ braust. „Na hör mal!“ Sagt sie dann und dann soll ich schätzen, wie alt sie ist und ich untertreibe natürlich immer kolossal und dann lacht sie und streicht sich kokett durch ihre schwarzgefärbten Haare.
Am häufigsten sieht Frau Brauner die Knöllchendame, die auch schon ein Unikat ist. Die Knöllchendame gehört nicht gerade zu den beliebtesten Personen im Ort, was aber nicht ihrem Charakter zu schulden ist, sondern ihres Berufes. Sie singt sogar im Kirchenchor und liest die Lesung in der Kirche, sie ist wirklich ein guter Mensch, aber man kann trotzdem nicht umhin, sein eigenes Falschparkvermögen auf die Knöllchendame zu schieben und ihr die Schuld für alles Böse in der Welt zu geben, wenn man mal wieder ein Knöllchen an der Windschutzscheibe kleben hat. Knöllchendamen sind eine leichte Projektionsfläche.
Bislang konnte man die Knöllchendame noch austricksen, indem man die Parkuhr einfach weiterschob. Aber nun hat sich das Ordnungsamt der Gemeinde den Fotobeweis einfallen lassen und neuerdings wird der Stand des Reifens anhand des Ventils kontrolliert und sogar fotografiert! Ich bin natürlich sofort aufgeflogen und von einer Beamtin sogar beim Lügen ertappt worden und habe mich sehr geschämt dafür. Ich lüge wirklich nicht viel im Leben, weil ich ein denkbar schlechter Lügner bin. Immer wenn ich es aus Verlegenheit doch tue, fliege ich auf, ich sollte es einfach sein lassen.












